Roman Polanski gibt Regieanweisungen für Der Ghostwriter.
Sein Leben ist spannender als jeder Film. Es ist eine Geschichte von Ruhm und Glamour, aber auch von unvorstellbaren Tiefen. Polanski selbst bleibt dabei unsichtbar, ungreifbar, als wäre er ein Betrachter seines eigenen Lebens, ein Abbild seiner selbst. Ein Schatten. Wer ist er? Was treibt ihn an? Polanski wird 1933 als Sohn einer jüdischen Familie in Paris geboren. 1936 flieht die Familie vor dem in Frankreich immer weiter um sich greifenden Antisemitismus, allerdings nach Polen und damit, wie sich zeigen soll, in die falsche Richtung. Als Polen 1939 angegriffen wird, wird Polanskis Familie nämlich ins Getto von Krakow deportiert. Sein Vater überlebt, seine Mutter wird in Auschwitz ermordet. Die Beziehung zu seinem Vater bleibt sein Leben lang angespannt. Polanski gelingt 1943 die Flucht aus dem Getto. Er wird von einer katholischen Familie vor den Nazis versteckt und gibt sich jahrelang als Katholik aus. Nach dem Krieg studiert er an der staatlichen Filmschule in Łódz. Dort drehte er seine ersten Kurzfilme,
Zwei Männer und ein Schrank (1958),
Der Dicke und der Dünne (1961) und einige andere. Ein makaberer Sinn für Humor und für das Absurde ist erkennbar, ebenso wie eine prägnante und eigenwillige Filmsprache.
OberwasserDie Darstellungen in Das Messer im Wasser sind geprägt von sexuellen und
Doch zum Regisseur wird er, nach eigenen Worten, erst mit seinem ersten Spielfilm, Das
Messer im Wasser (1962), einem psychologischen Kammerspiel auf einer Jacht. Ein reiches Pärchen nimmt einen jungen Anhalter auf einen Wochenendausflug mit. Die nächsten 24 Stunden sind geprägt von sadistischen und sexuellen Spannungen, die immer unerträglicher wird. Getragen wird der Film nicht nur von den sehr überzeugenden Darstellern und Dialogen, sondern auch von der einfachen und beklemmenden Bildsprache. Der Film berührt zwei Themen, die bei Polanski immer wieder auftauchen werden: Begierde und Hunger.
Polanski erklärt, dass es bei den Dreharbeiten auf der Jacht so eng war, dass er seine Storyboards über Bord werfen musste – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit diesem Film lernt er, dass die Kamera immer durch die Schauspieler motiviert wird. Von nun an bleibt Polanskis visueller Stil schlicht und flexibel – wie Jazzmusik, sagen manche.
Tatsächlich hat der Jazz einen großen Einfluss auf den Regisseur. Polanski ist Zeit seines Lebens ein Jazzfan und die polnische Jazzszene nach dem Zweiten Weltkrieg ist außergewöhnlich. Die polnischen Musiker drücken ein schreiendes Verlangen nach Freiheit und das Zerwürfnis mit der Vergangenheit aus. Ihr Jazz ist manisch, klagend, düster und unberechenbar. Genau wie Polanski. Zumindest ist bemerkenswert, dass einige seiner besten Filme in Zusammenarbeit mit dem Jazz-Pianisten und Komponisten Krzysztof Komeda entstehen.
Der ewige FremdeIn Tanz der Vampire agierte Polanski auch vor der Kamera.
Als
Das Messer im Wasser für den Oscar für den besten ausländischen Film nominiert wird, geht Polanski in den Westen. In London dreht er
Ekel (1965) mit Catherine Deneuve, nach einem Drehbuch von Gérard Brach, einem weiteren Mitarbeiter, mit dem er einige sehr prägnante Filme schafft. Die großartige Deneuve spielt darin eine einsame Frau in einer fremden Stadt. Eingesperrt in eine Wohnung, verfällt sie langsam dem Wahnsinn. Hier wird ein weiteres Motiv erkennbar, vielleicht ein weiteres Puzzlestück in dem Rätsel Polanski: die Einsamkeit, der ewig Fremde.
Er mag einsam sein, aber er ist nicht allein. Wie ein Besessener taucht Polanski in das Nachtleben von London und Paris ein. Er hat einen magnetischen Charme. Es scheint, als könne es für Polanski immer nur weiter nach oben gehen. In London lernt er seine zukünftige Frau Sharon Tate kennen. Mit ihr dreht er seinen womöglich besten und am meisten unterschätzten Film:
Tanz der Vampire (1967), eine satirisch-albtraumhafte Gruselkomödie und Hommage an die Hammer-Filme der Fünfziger. Polanski spielt Alfred, den trotteligen Assistenten des senilen Vampirjägers Professor Abronsius (Jack MacGowran), der durch Transsylvanien reist, um endlich auf echte Vampire zu stoßen. In einem jüdischen Schtetl werden die beiden fündig. Abronsius findet einen Vampir-Grafen (wunderbar gespielt von dem Schauspieler Ferdy Mayne) und seine untote Schar, die gerne mal über die Dorfbewohner herfallen. Alfred verliebt sich in Sarah Shagal (Sharon Tate), die Tochter eines Schankwirts, die von dem Vampir entführt wird. Bei dem Versuch, sie zu retten, machen Alfred und Abronsius alles nur noch schlimmer.
Dabei verliebte er sich in die Schauspielerin Sharon Tate, die er ehelichte. Sie wurde später von der Manson Family, Anhänger eines wirren Musikers, ermordet.
Tanz der Vampire ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Seine liebevolle Vision des Schtetls ist voller Wehmut über eine verlorene Welt. Seine Figuren werden von gebildeten und kultivierten Herrenmenschen ausgesaugt, sie verlaufen sich in einer kalten und kafkaesken Welt, aus der sie nur noch als Monstren herausfinden. Aber es ist auch ein Film über die Liebe: Selten hat bei einem Leinwandpaar die Chemie so gestimmt wie bei Polanski und seiner zukünftigen Frau Sharon Tate. Und wieder greift Polanski zwei seiner Lieblingsthemen auf: den Hunger – nach heißem Essen oder heißem Blut – und das Verlangen nach Liebe und Sexualität. Polanski und Sharon Tate heiraten. Später wird Polanski seine Zeit mit ihr als die glücklichste seines Lebens beschreiben.