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Das Kabinett des Dr. Parnassus, Kino, Terry Gilliam
Die wunderbare Welt des Terry Gilliam
Die Welt ist seine Droge - und die zaubert er auf die Leinwand, größer, bunter, lauter: Terry Gilliam, ehemaliger Comiczeichner, bekennender Underground-Regisseur und Meister des Absurden. Verbissener denn je kämpft er für seine fantastischen Visionen. Muss er auch, denn er steht, wie immer, mit dem Rücken zur Wand. WIDESCREEN Vision traf den Regisseur in San Diego.
23.01.2010 11:30 Uhr -
"Alle sagen immer, dass meine Filme so verrückt und abgefahren sind", beklagt sich Gilliam. "Aber nicht ich bin so, sondern die Welt. Ich finde, meine Filme sind Dokumentationen." Über den Punkt lässt sich streiten. Gilliams Filme sind fantasievoll und quicklebendig, aber auch voller Prunk und Kitsch. Trotz einer Karriere, die in erster Linie von Misserfolgen gezeichnet ist, hält er stur an seinen Vorstellungen fest. Er wirkt wie besessen. Aber auch müde. Zusammengesunken sitzt er am Tisch und meidet den Blickkontakt. Wenn er antwortet, dann mit einem leisen Murmeln. Vor ihm liegen Süßigkeiten, die er mit dem Finger immer wieder in neuen Mustern anordnet. Sein neuester Film, Das Kabinett des Dr. Parnassus, startet am 7. Januar in den deutschen Kinos. Die Kritiker überschlagen sich und es scheint, als sei Terry Gilliam wieder einmal gesellschaftsfähig. Das war nicht immer so. Und es kann sich immer wieder ändern. "Das Drehbuch zu Parnassus ist mit Charles McKeown entstanden, mit dem ich Brazil und Münchhausen gemacht habe", erklärt Gilliam. "Wir haben viele Jahre nicht mehr zusammengearbeitet. Ich hatte nur ein paar lose Ideen. Als wir uns dann hinsetzten, wurde schnell klar, dass wir eine Faust-Geschichte erzählen wollten." Das Kabinett des Dr. Parnassus ist eine Parabel auf sein eigenes Lebens, denn Gilliam war schon immer auf der Flucht vor einem Pakt, dem er sich nicht entziehen kann. Er kokettiert mit seiner künstlerischen Freiheit, sieht sich als Rebell, aber auch er ist vom System abhängig, von Hollywood und vom großen Geld.
Schönheit und Schrecken
Terry Gilliam wird am 22. November 1940 in Minnesota geboren. Noch während seiner Schulzeit entdeckt er das legendäre Satiremagazin Mad, dessen Verleger Harvey Kurtzman vielen Zeichnern und Textern zum Durchbruch verholfen hat. So auch Gilliam. Er zieht nach New York und arbeitet für Kurtzman. "Er war ein Genie", so Gilliam über seinen Freund und Mentor. "Ich habe ihm viel zu verdanken. Als ich Anfang 20 war, hat er mich immer in die Bibliothek an der 42nd Street in Manhattan geschickt, auf der Suche nach berühmten Gemälden, die wir im Mad-Heft parodieren konnten. ,Tote Künstler klagen nicht‘, sagte er immer. Ihm verdanke ich, dass ich Pieter Brueghel entdeckt habe." Brueghel, einer der großen Maler der niederländischen Renaissance, hatte neben Hieronymus Bosch den größten künstlerischen Einfluss auf Gilliam. "Ich will jedes Gefühl zulassen", so Gilliam. "Ich bemühe mich, das Leben ehrlich darzustellen. Schönheit und Schrecken, Licht und Dunkelheit. Für mich ist das ganze Leben wie ein Bild von Brueghel, voller Pisse und Scheiße."
Monty Python
Als Terry Gilliam seinen 23. Geburtstag feiert, fällt in Dallas, Texas, der damalige US-Präsident John F. Kennedy einem Attentat zum Opfer. Die Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg nehmen zu. Gilliam sympathisiert mit den Außenseitern und wird mehrfach von der Polizei verhaftet und misshandelt. Er geht nach England und gründet mit den Komikern John Cleese, Michael Palin, Eric Idle, Terry Jones und Graham Chapman die legendäre Truppe Monty Python. Dabei entwickelt er als Animator eine Methode weiter, die er schon beim Mad-Heft ausprobiert hat: das Recyceln von Kunst. Er schneidet mit Vorliebe alte Stichzeichnungen aus und animiert diese mithilfe einer Legetechnik. So schafft er die heute ikonischen Cartoon-Sequenzen und Grafiken von Monty Python. Viel gedacht hat er sich dabei nicht: "Wir hatten bei Python einfach nicht genug Zeit und Geld. Ich musste mir viele Nächte um die Ohren schlagen. Wir wollten Cartoon-Sequenzen haben, aber sie durften nichts kosten." Gemeinsam mit den anderen Pythons unternimmt Gilliam die ersten filmischen Gehversuche. Zusammen mit Terry Jones dreht er 1974 Die Ritter der Kokosnuss, Monty Pythons Satire auf die Artussage und so ganz nebenbei ein kleines Meisterwerk, das mit vielen Regeln und Konventionen bricht. 1977 dreht Gilliam seinen ersten Film alleine, Jabberwocky, die Neuerzählung eines Nonsens-Kindergedichts von Lewis Carroll. Später tut sich Gilliam mit George Harrison, dem ehemaligen Beatle, zusammen. Harrison finanziert die bitterböse und dennoch kindliche Fantasy-Satire Time Bandits (1981), die mit großer Schadenfreude historische Helden und Mythen auseinandernimmt. Aber der Film ist auch eine Abrechnung mit den Pythons. Jeder der zwergenwüchsigen Hauptcharaktere ist eine Parodie auf einen von Gilliams Kollegen.
Battle of Brazil
1985 dreht Gilliam seinen bis heute bekanntesten und kontroversesten Film: Brazil, eine grandios durchdachte, dystopische Gesellschaftssatire mit Richard Pryce, Ian Holm und Robert De Niro. Die Idee dazu kommt ihm am Strand von Wales, der schwarz vom Ruß der nahe gelegenen Kohlebergwerke ist. Bei dem tristen Anblick denkt Gilliam an die Melodie des Lieds "Brazil", an seinen Wunsch, dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts zu entfliehen. Mit Brazil greift Gilliam einige seiner immer wiederkehrenden Themen auf: Identität, Autorität, eine feindliche Bürokratie, die Macht der Vorstellungskraft und die wortwörtliche Verzerrung der Wirklichkeit. Am wichtigsten ist ihm der Gedanke der Verantwortung. Gilliam, ein ehemaliger Student der Politwissenschaften, ist und bleibt der festen Meinung, dass ein Künstler politisch Stellung nehmen muss. Das Drehbuch zu Brazil stammt von seinem langjährigen Mitarbeiter Charles McKeown und dem britischen Dramatiker Tom Stoppard, einem der bedeutendsten Theaterautoren des 20. Jahrhunderts. Doch die Themen, mit denen sich der Film auseinandersetzt, werden für Gilliam bald auch in der echten Welt aktuell. Der Filmjournalist Jack Mathews beschreibt in seinem Buch The Battle of Brazil den epischen Kampf, den Gilliam gegen Sid Sheinberg, den damaligen Studiochef von Universal Pictures führt - und verliert. Sheinberg schneidet Gilliams Film radikal um, entstellt ihn völlig und verpasst ihm ein Happy End. Erst viel später, nachdem Brazil einige Kritikerpreise gewonnen hat, bringt Universal den Director's Cut in die Kinos, lange bevor es so etwas überhaupt gibt. Gilliam wird zum Liebling der Kritiker, aber er kann in Hollywood nicht Fuß fassen. Sein nächster Film, der 46 Millionen Dollar teure Die Abenteuer des Baron Münchhausen,findet in den USA keinen Verleih und läuft nur in ganz wenigen Kinos. Er spielt lediglich acht Millionen Dollar ein.
Kreative Krise
Gilliams Verhältnis zu Hollywood und zu Amerika bleibt angespannt. In den Neunzierjahren kann er nichtsdestotrotz einige Erfolge mit Auftragsarbeiten verbuchen. 1991 dreht er König der Fischer mit Robin Williams und Jeff Bridges und 1995 12 Monkeys mit Bruce Willis und Brad Pitt, sein bislang größter Erfolg, ein märchenhafter und apokalyptischer Zeitreisefilm nach einem Drehbuch von David Webb Peoples (Blade Runner, Unforgiven). 1998 folgt sein Kultfilm Fear and Loathing in Las Vegas mit Johnny Depp, den viele für Gilliams besten und vollkommensten Film halten. Nun macht er sich an The Man Who Killed Don Quixote. Es ist mit 36 Millionen Dollar eine von Gilliams ambitioniertesten Produktionen, eine Neuerzählung der Geschichte von Don Quixote, dem spanischen Ritter und vermeintlichen Narr, der gegen Windmühlen kämpfte. Der französische Schauspieler Jean Rochefort soll Don Quixote spielen, Johnny Depp seinen Weggefährten - einen Mann aus unserer Zeit, der in die Vergangenheit an die Seite des mythischen Quixote geschleudert wird. Doch die Dreharbeiten entgleisen. Der Set in Spanien wird von einem Sturm zerstört, bei Hauptdarsteller Rochefort wird Krebs diagnostiziert. Die Dreharbeiten werden abgebrochen. Für Gilliam beginnt eine kreative Krise. Er ist vom Film und von der Welt enttäuscht, gibt seine amerikanische Staatsbürgerschaft auf. 2005 wagt er mit Die Gebrüder Grimm ein Comeback in Hollywood, doch der Film mit Matt Damon und Heath Ledger ist nur ein mäßiger Erfolg. Gilliam hat erneut Konflikte, diesmal mit den Produzenten Bob und Harvey Weinstein. Noch im selben Jahr dreht er Tideland, der ihn wieder mit Jeff Bridges (König der Fischer) zusammenbringt. Tideland, die Geschichte eines Mädchens, das alleine in einem Haus mit der Leiche seines Vaters lebt und dessen Fantasie es am Ende dazu treibt, einen Passagierzug zum Entgleisen zu bringen, ist der Tiefpunkt seiner Karriere. Die amerikanische DVD beginnt mit einer auf Video aufgenommenen Bitte des Regisseurs: Gilliam fleht den Zuschauer an, den Film nicht vorschnell zu verurteilen.
Die Show muss weitergehen
"Als ich mit Parnassus angefangen habe", so Gilliam, "war ich sehr deprimiert. Tideland war ein Misserfolg. Ich kam mir vor wie ein alter Zauberer, der Tricks zeigen will, die keinen Menschen mehr interessieren. Genau wie Parnassus. Niemand schenkt ihm Beachtung. Daraus entstand der neue Film." Auch dieses Mal hat er es nicht leicht. "Wir hatten ein fantastisches Drehbuch, hervorragende Storyboards und Heath Ledger. Ich habe allen gesagt, dass Dark Knight ein Riesenhit werden würde und Heath Ledger ein Star. Und trotzdem wollte lange Zeit keiner investieren. Ich bin immer wieder überrascht, dass Hollywood so kurzsichtig ist." Als die Produktion endlich losgehen kann, kommt es wieder zur Katastrophe. Während der Dreharbeiten stirbt Heath Ledger an einer Überdosis Medikamente. Noch heute muss Gilliam gegen die Tränen ankämpfen, wenn er an den Tod seines Mitarbeiters und Freundes denkt. "Was für ein Schauspieler ... Was für ein Mensch ...", sagt er leise. "Er hatte eine sehr alte Seele. Er war verspielt, weise, verwundbar und ernst. Irgendwie hat er es geschafft, all das zu vereinen." Trotz aller Widerstände wird der Film fertig. Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law springen für Ledger ein und teilen die Rolle untereinander auf. Denn seine Figur in Parnassus reist zwischen zwei Welten und nimmt günstigerweise verschiedene Gesichter an. Die Show muss eben weitergehen. Parnassus ist ein Film im Film, eine verschachtelte Metapher auf Leben und Kunst. "Ich wollte einen Film machen, der in der Wirklichkeit verwurzelt ist, aber den Zuschauer trotzdem in die Welt der Fantasie entführt", so Gilliam. Es wird sich zeigen, ob Das Kabinett des Dr. Parnassus eine Rückkehr zur alten Form ist. Eines bleibt jedoch sicher: Gilliam kämpft weiter, komme, was wolle. Er ist und bleibt der Alte. Er ist wie ein Mann, der einen klapprigen und voll beladenen Zirkuswagen haarscharf am Abgrund vorbeimanövriert. Nicht anders will er es. Als Nächstes, so viel steht fest, will er endlich Don Quixote mit Johnny Depp fertigdrehen.
(Text: Emanuel Bergmann)
"Alle sagen immer, dass meine Filme so verrückt und abgefahren sind", beklagt sich Gilliam. "Aber nicht ich bin so, sondern die Welt. Ich finde, meine Filme sind Dokumentationen." Über den Punkt lässt sich streiten. Gilliams Filme sind fantasievoll und quicklebendig, aber auch voller Prunk und Kitsch. Trotz einer Karriere, die in erster Linie von Misserfolgen gezeichnet ist, hält er stur an seinen Vorstellungen fest. Er wirkt wie besessen. Aber auch müde. Zusammengesunken sitzt er am Tisch und meidet den Blickkontakt. Wenn er antwortet, dann mit einem leisen Murmeln. Vor ihm liegen Süßigkeiten, die er mit dem Finger immer wieder in neuen Mustern anordnet. Sein neuester Film, Das Kabinett des Dr. Parnassus, startet am 7. Januar in den deutschen Kinos. Die Kritiker überschlagen sich und es scheint, als sei Terry Gilliam wieder einmal gesellschaftsfähig. Das war nicht immer so. Und es kann sich immer wieder ändern. "Das Drehbuch zu Parnassus ist mit Charles McKeown entstanden, mit dem ich Brazil und Münchhausen gemacht habe", erklärt Gilliam. "Wir haben viele Jahre nicht mehr zusammengearbeitet. Ich hatte nur ein paar lose Ideen. Als wir uns dann hinsetzten, wurde schnell klar, dass wir eine Faust-Geschichte erzählen wollten." Das Kabinett des Dr. Parnassus ist eine Parabel auf sein eigenes Lebens, denn Gilliam war schon immer auf der Flucht vor einem Pakt, dem er sich nicht entziehen kann. Er kokettiert mit seiner künstlerischen Freiheit, sieht sich als Rebell, aber auch er ist vom System abhängig, von Hollywood und vom großen Geld.
Schönheit und Schrecken
Terry Gilliam wird am 22. November 1940 in Minnesota geboren. Noch während seiner Schulzeit entdeckt er das legendäre Satiremagazin Mad, dessen Verleger Harvey Kurtzman vielen Zeichnern und Textern zum Durchbruch verholfen hat. So auch Gilliam. Er zieht nach New York und arbeitet für Kurtzman. "Er war ein Genie", so Gilliam über seinen Freund und Mentor. "Ich habe ihm viel zu verdanken. Als ich Anfang 20 war, hat er mich immer in die Bibliothek an der 42nd Street in Manhattan geschickt, auf der Suche nach berühmten Gemälden, die wir im Mad-Heft parodieren konnten. ,Tote Künstler klagen nicht‘, sagte er immer. Ihm verdanke ich, dass ich Pieter Brueghel entdeckt habe." Brueghel, einer der großen Maler der niederländischen Renaissance, hatte neben Hieronymus Bosch den größten künstlerischen Einfluss auf Gilliam. "Ich will jedes Gefühl zulassen", so Gilliam. "Ich bemühe mich, das Leben ehrlich darzustellen. Schönheit und Schrecken, Licht und Dunkelheit. Für mich ist das ganze Leben wie ein Bild von Brueghel, voller Pisse und Scheiße."
Monty Python
Als Terry Gilliam seinen 23. Geburtstag feiert, fällt in Dallas, Texas, der damalige US-Präsident John F. Kennedy einem Attentat zum Opfer. Die Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg nehmen zu. Gilliam sympathisiert mit den Außenseitern und wird mehrfach von der Polizei verhaftet und misshandelt. Er geht nach England und gründet mit den Komikern John Cleese, Michael Palin, Eric Idle, Terry Jones und Graham Chapman die legendäre Truppe Monty Python. Dabei entwickelt er als Animator eine Methode weiter, die er schon beim Mad-Heft ausprobiert hat: das Recyceln von Kunst. Er schneidet mit Vorliebe alte Stichzeichnungen aus und animiert diese mithilfe einer Legetechnik. So schafft er die heute ikonischen Cartoon-Sequenzen und Grafiken von Monty Python. Viel gedacht hat er sich dabei nicht: "Wir hatten bei Python einfach nicht genug Zeit und Geld. Ich musste mir viele Nächte um die Ohren schlagen. Wir wollten Cartoon-Sequenzen haben, aber sie durften nichts kosten." Gemeinsam mit den anderen Pythons unternimmt Gilliam die ersten filmischen Gehversuche. Zusammen mit Terry Jones dreht er 1974 Die Ritter der Kokosnuss, Monty Pythons Satire auf die Artussage und so ganz nebenbei ein kleines Meisterwerk, das mit vielen Regeln und Konventionen bricht. 1977 dreht Gilliam seinen ersten Film alleine, Jabberwocky, die Neuerzählung eines Nonsens-Kindergedichts von Lewis Carroll. Später tut sich Gilliam mit George Harrison, dem ehemaligen Beatle, zusammen. Harrison finanziert die bitterböse und dennoch kindliche Fantasy-Satire Time Bandits (1981), die mit großer Schadenfreude historische Helden und Mythen auseinandernimmt. Aber der Film ist auch eine Abrechnung mit den Pythons. Jeder der zwergenwüchsigen Hauptcharaktere ist eine Parodie auf einen von Gilliams Kollegen.
Battle of Brazil
1985 dreht Gilliam seinen bis heute bekanntesten und kontroversesten Film: Brazil, eine grandios durchdachte, dystopische Gesellschaftssatire mit Richard Pryce, Ian Holm und Robert De Niro. Die Idee dazu kommt ihm am Strand von Wales, der schwarz vom Ruß der nahe gelegenen Kohlebergwerke ist. Bei dem tristen Anblick denkt Gilliam an die Melodie des Lieds "Brazil", an seinen Wunsch, dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts zu entfliehen. Mit Brazil greift Gilliam einige seiner immer wiederkehrenden Themen auf: Identität, Autorität, eine feindliche Bürokratie, die Macht der Vorstellungskraft und die wortwörtliche Verzerrung der Wirklichkeit. Am wichtigsten ist ihm der Gedanke der Verantwortung. Gilliam, ein ehemaliger Student der Politwissenschaften, ist und bleibt der festen Meinung, dass ein Künstler politisch Stellung nehmen muss. Das Drehbuch zu Brazil stammt von seinem langjährigen Mitarbeiter Charles McKeown und dem britischen Dramatiker Tom Stoppard, einem der bedeutendsten Theaterautoren des 20. Jahrhunderts. Doch die Themen, mit denen sich der Film auseinandersetzt, werden für Gilliam bald auch in der echten Welt aktuell. Der Filmjournalist Jack Mathews beschreibt in seinem Buch The Battle of Brazil den epischen Kampf, den Gilliam gegen Sid Sheinberg, den damaligen Studiochef von Universal Pictures führt - und verliert. Sheinberg schneidet Gilliams Film radikal um, entstellt ihn völlig und verpasst ihm ein Happy End. Erst viel später, nachdem Brazil einige Kritikerpreise gewonnen hat, bringt Universal den Director's Cut in die Kinos, lange bevor es so etwas überhaupt gibt. Gilliam wird zum Liebling der Kritiker, aber er kann in Hollywood nicht Fuß fassen. Sein nächster Film, der 46 Millionen Dollar teure Die Abenteuer des Baron Münchhausen,findet in den USA keinen Verleih und läuft nur in ganz wenigen Kinos. Er spielt lediglich acht Millionen Dollar ein.
Kreative Krise
Gilliams Verhältnis zu Hollywood und zu Amerika bleibt angespannt. In den Neunzierjahren kann er nichtsdestotrotz einige Erfolge mit Auftragsarbeiten verbuchen. 1991 dreht er König der Fischer mit Robin Williams und Jeff Bridges und 1995 12 Monkeys mit Bruce Willis und Brad Pitt, sein bislang größter Erfolg, ein märchenhafter und apokalyptischer Zeitreisefilm nach einem Drehbuch von David Webb Peoples (Blade Runner, Unforgiven). 1998 folgt sein Kultfilm Fear and Loathing in Las Vegas mit Johnny Depp, den viele für Gilliams besten und vollkommensten Film halten. Nun macht er sich an The Man Who Killed Don Quixote. Es ist mit 36 Millionen Dollar eine von Gilliams ambitioniertesten Produktionen, eine Neuerzählung der Geschichte von Don Quixote, dem spanischen Ritter und vermeintlichen Narr, der gegen Windmühlen kämpfte. Der französische Schauspieler Jean Rochefort soll Don Quixote spielen, Johnny Depp seinen Weggefährten - einen Mann aus unserer Zeit, der in die Vergangenheit an die Seite des mythischen Quixote geschleudert wird. Doch die Dreharbeiten entgleisen. Der Set in Spanien wird von einem Sturm zerstört, bei Hauptdarsteller Rochefort wird Krebs diagnostiziert. Die Dreharbeiten werden abgebrochen. Für Gilliam beginnt eine kreative Krise. Er ist vom Film und von der Welt enttäuscht, gibt seine amerikanische Staatsbürgerschaft auf. 2005 wagt er mit Die Gebrüder Grimm ein Comeback in Hollywood, doch der Film mit Matt Damon und Heath Ledger ist nur ein mäßiger Erfolg. Gilliam hat erneut Konflikte, diesmal mit den Produzenten Bob und Harvey Weinstein. Noch im selben Jahr dreht er Tideland, der ihn wieder mit Jeff Bridges (König der Fischer) zusammenbringt. Tideland, die Geschichte eines Mädchens, das alleine in einem Haus mit der Leiche seines Vaters lebt und dessen Fantasie es am Ende dazu treibt, einen Passagierzug zum Entgleisen zu bringen, ist der Tiefpunkt seiner Karriere. Die amerikanische DVD beginnt mit einer auf Video aufgenommenen Bitte des Regisseurs: Gilliam fleht den Zuschauer an, den Film nicht vorschnell zu verurteilen.
Die Show muss weitergehen
"Als ich mit Parnassus angefangen habe", so Gilliam, "war ich sehr deprimiert. Tideland war ein Misserfolg. Ich kam mir vor wie ein alter Zauberer, der Tricks zeigen will, die keinen Menschen mehr interessieren. Genau wie Parnassus. Niemand schenkt ihm Beachtung. Daraus entstand der neue Film." Auch dieses Mal hat er es nicht leicht. "Wir hatten ein fantastisches Drehbuch, hervorragende Storyboards und Heath Ledger. Ich habe allen gesagt, dass Dark Knight ein Riesenhit werden würde und Heath Ledger ein Star. Und trotzdem wollte lange Zeit keiner investieren. Ich bin immer wieder überrascht, dass Hollywood so kurzsichtig ist." Als die Produktion endlich losgehen kann, kommt es wieder zur Katastrophe. Während der Dreharbeiten stirbt Heath Ledger an einer Überdosis Medikamente. Noch heute muss Gilliam gegen die Tränen ankämpfen, wenn er an den Tod seines Mitarbeiters und Freundes denkt. "Was für ein Schauspieler ... Was für ein Mensch ...", sagt er leise. "Er hatte eine sehr alte Seele. Er war verspielt, weise, verwundbar und ernst. Irgendwie hat er es geschafft, all das zu vereinen." Trotz aller Widerstände wird der Film fertig. Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law springen für Ledger ein und teilen die Rolle untereinander auf. Denn seine Figur in Parnassus reist zwischen zwei Welten und nimmt günstigerweise verschiedene Gesichter an. Die Show muss eben weitergehen. Parnassus ist ein Film im Film, eine verschachtelte Metapher auf Leben und Kunst. "Ich wollte einen Film machen, der in der Wirklichkeit verwurzelt ist, aber den Zuschauer trotzdem in die Welt der Fantasie entführt", so Gilliam. Es wird sich zeigen, ob Das Kabinett des Dr. Parnassus eine Rückkehr zur alten Form ist. Eines bleibt jedoch sicher: Gilliam kämpft weiter, komme, was wolle. Er ist und bleibt der Alte. Er ist wie ein Mann, der einen klapprigen und voll beladenen Zirkuswagen haarscharf am Abgrund vorbeimanövriert. Nicht anders will er es. Als Nächstes, so viel steht fest, will er endlich Don Quixote mit Johnny Depp fertigdrehen.
(Text: Emanuel Bergmann)
| Links zum Thema | |
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| Das Kabinett des Dr. Parnassus: 8 neue Clips aus dem Film mit Heath Ledger und Johnny Depp (News, 28.10.2009) | |
| Das Kabinett des Dr. Parnassus: Endlich gibt es den deutschen Trailer (News, 21.10.2009) | |
| Das Kabinett des Dr. Parnassus: Neues fantastisches Poster mit Lily Cole (News, 15.10.2009) | |
| The Imaginarium of Doctor Parnassus: Neuer Trailer zu Heath Ledgers letztem Film (News, 08.10.2009) | |
| The Imaginarium of Doctor Parnassus: Neues Filmposter mit allen Charakteren (News, 25.09.2009) | |
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