Das Dritte Reich als Spaghetti-Western in fünf Akten. Kann man krassere Extreme aufeinander prallen lassen? Quentin Tarantino ist bekannt dafür, dass er hemmungslos mixt, zitiert und kopiert. Doch diesmal hat sich der Meister selber übertroffen. Inglourious Basterds ist ein Nazi-Film, der typische Western-Elemente enthält - von der Morricone-Musik bis hin zu blutigen Skalpierungsszenen. Gleichzeitig hat der Streifen aber auch märchenhafte Züge und ist obendrein eine leidenschaftliche Hommage ans Kino, insbesondere an deutsche Stummfilme und Nouvelle-Vague-Klassiker. Ein Stil-Konglomerat, das sich zudem multikulturell zeigt: Es wird fröhlich in Deutsch, Französisch, US-Amerikanisch, Britisch und Italienisch parliert. Daher gleich die dringende Empfehlung: Schauen Sie sich diesen Film im Original an, wenn es irgendwie möglich ist. Viele Passagen werden ohnehin komplett auf Deutsch gesprochen.
Obwohl Tarantino den Filmtitel bei dem Italo-Kriegsfilm Inglorious Bastards - Ein Haufen verwegener Hunde (1978) von Enzo G. Castellari auslieh, hat der Streifen inhaltlich nur wenig mit dem Original zu tun. Die fünf Kapitel des Films drehen sich um zwei Haupthandlungsstränge, die sich sukzessive miteinander verknüpfen: Auf der einen Seite wird die Geschichte einer jüdisch-amerikanischen Killerbrigade geschildert, die im besetzten Frankreich so viele Nazis wie möglich eliminieren will. Die so genannten "Basterds" sind ein rauer Haufen: Ihr Anführer (Brad Pitt) gibt ein hinterwäldlerisches Kauderwelsch von sich und unter den Rekruten tummeln sich klingenschwingende, finstere Brutalos.
Ganz anders hingegen präsentieren sich ihre deutschen Kontrahenten: Vor allem der als "Judenjäger" berüchtigte Oberst Landa (Christoph Waltz) zeigt ein allzeit makelloses Verhalten, ist kultiviert und überdurchschnittlich intelligent. Hier beweist Tarantino beeindruckenden Mut: Seine Amis sind primitive Haudrauf-Rabauken, während ausgerechnet die Nazis das souveräne Bildungsbürgertum darstellen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen auf beiden Seiten.
Handlungsstrang Nummer zwei dreht sich um die Kinobesitzerin Shosanna (Mélanie Laurent), deren Familie einst von Landa ermordet wurde und die seitdem auf Rache sinnt. Ihre Chance kommt, als ihr Filmpalast als Austragungsort für die Premiere von Goebbels neuem Heimatfilm auserkoren wird. Hitler selbst will den Event besuchen; prompt wittert Shosanna die Gelegenheit, die gesamte NSDAP-Führungsriege auf einen Streich auszuschalten. An dieser Stelle kreuzen sich die Wege von Shosanna und den Basterds - denn selbige bekommen Wind von Hitlers geplantem Premierenbesuch und tüfteln ihrerseits einen Anschlag auf den Führer aus.
Und so kommt es, dass dieser Kriegsfilm über Nazis jagende Amerikaner in einem französischen Lichtspielhaus endet, während ein deutscher Propagandastreifen läuft. Tarantino setzt auf die "Operation Kino" anstatt auf die "Operation Walküre" - bei ihm besiegt die Macht des Kinos das Dritte Reich. Eine märchenhafte Metapher, die im extremen Gegensatz zu dem ansonsten beinharten Tenor des Streifens steht; denn wie gewohnt spritzt bei Tarantino literweise Theaterblut. Allerdings muss man sagen, dass Inglourious Basterds insgesamt zahmer ausfällt als beispielsweise Kill Bill. Tarantino konzentriert sich diesmal auf lange, gemächlich inszenierte Dialogpassagen, in denen er die Akteure förmlich durch die Kamera zu studieren scheint.
Es gab Kritikerstimmen, die bemängelten, der Streifen sei überlang und öde. Quatsch! Inglourious Basterds ist ein Bastard von einem Film. Großartige Darsteller, angeführt vom genial spielenden Christoph Waltz (einzige Ausnahme: die haarsträubend hölzerne Diane Kruger), Dialoge zum Niederknien, bissiger Humor und als Sahnehäubchen eine knallharte Botschaft: Tarantino löst sich gänzlich vom politisch Korrekten und streckt dem Betroffenheits-Muff die Zunge raus. Inglourious Basterds ist eine Nazi-Satire, wie sie vor Tarantino noch keinem gelungen ist, denn der Film rechnet zugleich mit der Cowboy-Mentalität der USA ab und schafft es obendrein, die Liebe zum Kino als versöhnliche, kulturenübergreifende Klammer über den Schrecken des Holocausts zu spannen.
(Dörte Langwald)
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